ANNA ACHMATOWA. Requiem. Trost in hoffnungsloser Zeit
In den schrecklichen Jahren unter Jeschow habe ich siebzehn Monate schlangestehend vor den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Einmal erkannte mich jemand irgendwie. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die natürlich niemals meinen Namen gehört hatte, aus der uns allen eigenen Erstarrung und fragte mich leise (dort sprachen alle im Flüsterton): „Und das können Sie beschreiben?“ Und ich sagte: „Ja.“
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.
– Anna Achmatowa, 1. April 1957, Leningrad,
Vorwort zu Requiem.
Achmatowas Gedichtzyklus Requiem ist nicht nur einer der erschütterndsten Texte der russischen Literaturgeschichte, sondern zugleich auch eindrückliches Zeugnis der stalinistischen Diktatur und nicht zuletzt Hoffnungsträger in hoffnungsloser Zeit. Schon allein, dass sich diese Texte allen Vernichtungsversuchen entziehen konnten, grenzt an ein Wunder.
Im „Literarischen Salon“ werden Anna Achmatowa, die neben Marina Zwetajewa als größte russische Dichterin gilt, und ihr Werk literarhistorisch und politisch verortet.
Die Texte lesen Maria Thorgevsky (russisch) und Renate Obermaier (deutsch).
Musikalische Begleitung: Natalia Barannikova
Konzeption und Vortrag: Prof. Dr. Elisabeth Cheauré, Slavistin und Vorsitzende des Zwetajewa- Zentrums e.V. an der Universität Freiburg
Foto: Anna Achmatowa mit ihrem Mann Nikolaj Gumiljow (von den Bolschewiken ermordet 1921) und dem gemeinsamen Sohn Lew Gumiljow (unter Stalin fast 14 Jahre in Lagerhaft); 1915.