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KAFKA UND GORBACHEV

20. November, 18:00

kostenlos

Prof. Dr. Alexej Zherebin (Herzen-Universität Sankt Petersburg)

Franz Kafka war einer von denen, die – ohne es zu wissen – in ihren literarischen Werken den komplexen Text der (spät)sowjetischen Geschichte Russlands entworfen haben. Wie die ersten russischen Leser*innen sofort erkannten (die Übersetzungen erschienen erst nach 1960), war die Welt seiner Dichtungen schon seit jeher ihr Lebensraum, den sie deuteten und gestalteten, indem sie die Leerstellen ausfüllten: „Kafka erzählte von mir und für mich“ – hält z.B. Anna Achmatova fest und meint damit ebenso ihre eigene Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Macht des totalitären Staates wie die ihrer Zeitgenossen. In einer anderen Weise bekannten sich später die Vertreter*innen der jüngeren Generation der russischen Intelligencija zu Kafka, deren Weltbild und Habitus durch das historische Ereignis des Zusammenbruchs des Kommunistischen Imperiums geprägt worden war.

Die Rolle der russischen Kafka-Rezeption im soziokulturellen Diskursfeld der Wende-Zeit wird im Vortrag am Beispiel des Dramenfragments „Der Gruftwächter“ (1916) erläutert, in dem Kafka die letzten Tage der Habsburger Monarchie in einer verfremdeten phantasmagorischen Form dargestellt hat.

Die deutsche Erstveröffentlichung (1952) erregte wenig Aufsehen. Seinen eigentlichen Wirkungsbereich fand das kleine Meisterstück erst 40 Jahre später, durch die Einbettung in den fremdkulturellen Kontext der postsowjetischen „Zeit der Wirren“. Seine russische Publikation von 1992 wurde zur Voraussetzung dafür, die „Doppelgestalt“ von Michail Gorbachev und das tragische Scheitern seiner Reformpolitik begreifen zu können – als eine von Kafka dargestellte „Verkennung, die nicht ohne Größe ist“.

Details

Datum:
20. November
Zeit:
18:00
Eintritt:
kostenlos
Veranstaltungskategorie:
Website:
www.igk-kulturtransfer.uni-freiburg.de

Veranstaltungsort

Hörsaal 1009
Platz der Universität 3
79098 Freiburg, + Google Karte