Im Rahmen des 39. Freiburger Literaturgesprächs
Wie lässt sich die Gegenwart aushalten, wenn von einem geliebten Menschen nichts als Erinnerungen bleiben? Wenn die eigene Heimat unbetretbar wird und sich die Muttersprache dem Gebrauch entzieht?
Nach dem Tod ihres Mannes findet die russische Schriftstellerin Olga Martynova ihre sprachliche Heimat im Deutschen. Mit dem Gedichtband Such nach dem Namen des Windes (S. FISCHER, 2024) lotet sie die Möglichkeiten aus, den Verlust eines geliebten Menschen poetisch zu vergegenwärtigen. Unsentimental, präzise und mit einer feinen Ironie reiht sich die Dichterin mit ihren lyrischen Totengesprächen in die Tradition der Zurückgebliebenen ein. Sie zeige „die Möglichkeiten der Poesie, mit Schmerz umzugehen, und […] einen Halt zu bieten, der flüchtig ist“, befindet die Jury des Peter Huchel-Preises zu Martynovas diesjähriger Auszeichnung. Erinnernd und beobachtend, kunstvoll gewoben mit kompositorischen Überlagerungen und Verweisen, „so tastet sich
Martynovas eindrückliche Lyrik über den Rand des Lebendigen hinaus“ (Christian Metz, FAZ).
Olga Martynova wuchs in Leningrad auf und studierte dort russische Sprache und Literatur. Im November 1990 kam sie mit einer Leningrader Autorengruppe im Zuge eines Literaturaustauschs nach Berlin und lebt seither in Deutschland. Sie schreibt auf Russisch (Gedichte, Essays) und Deutsch (Essays, Prosa). Darüber hinaus ist sie als Essayistin und Rezensentin für Zeitungen wie die Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit und die Frankfurter Rundschau tätig. Olga Martynova hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis für den Text Ich werde sagen: ,Hi!‘ Die Autorin lebt in Frankfurt am Main.
Moderation: Beate Tröger
Abbildung: © S. FISCHER Verlag.