Das „russische Freiburg“

Zur Einführung

Die Stadt Freiburg und Region Baden insgesamt sind durch jahrzehntelange „russische Traditionen“ geprägt. Die Gattin des Zaren Alexander I. war eine badische Prinzessin; seit dieser engen Verbindung zwischen dem Badischen Haus und den russischen Hof hielten sich zahlreiche Repräsentanten aus dem Zarenreich und auch russische Kulturträger im Raum Baden-Baden auf.

Auch der südlich von Freiburg gelegene Kurort Badenweiler erfreute sich vor allem im frühen 20. Jahrhundert russischer Gäste. Der prominenteste unter ihnen war der Dramatiker Anton Tschechow, der 1904 dort starb. Seitdem ist Badenweiler einer der wichtigsten deutschen Gedenkorte für die zeitweise durchaus schwierigen deutsch-russischen Beziehungen.

Nach Freiburg kamen erste Studierende aus Russland bereits im 18. Jahrhundert. Zum Jahreswechsel 1813/14 hielt sich sogar der russische Zar Alexander I. kurzzeitig in Freiburg auf, um über die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen zu verhandeln.

Freiburg zog vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Studierende aus dem Zarenreich an, besonders für Philosophen, Naturwissenschaftler und Mediziner war Freiburg ein attraktiver Studienort. Vor dem 1. Weltkrieg wurde sogar eine „Russische Lesehalle“ in Freiburg eingerichtet; russische und deutsche Philosophen begründeten LOGOS, eine internationale Zeitschrift für Philosophie.

Auch Prominente der russischen Literaturgeschichte zog es nach Freiburg, etwa Marina Zwetajewa, die mit ihrer Schwester Anastasia ein Schuljahr in Freiburg absolvierte und in einem Mädchenpensionat in der Wallstraße lebte. Später, Anfang der 1920er Jahre hielt sich auch Maksim Gor’kij im Schwarzwald auf und lebte längere Zeit in Günterstal.

Nach der russischen Revolution wählte eine Gruppe intellektueller Emigranten Freiburg teils vorübergehend, teils auf Dauer als Wohnsitz. Zu ihnen zählte neben dem Philosophen Fedor Stepun auch ein junger Ethnologe, der im vorrevolutionären Russland Volkslieder und Lieder der Altgläubigen gesammelt hatte und 1930 in Freiburg den „Russischen Chor“ gründete; dieser Chor existiert bis heute und kann als einzigartige deutsch-russische Kulturinstitution in Freiburg angesehen werden. In den 1950er Jahren wurde eine orthodoxe Gemeinde in Freiburg begründet; 1960 wurde die Peterhof-Kapelle an der Universität der russischen und rumänischen Gemeinde übergeben.

Auch in kommunistischer Zeit gab es Interesse für die Sowjetunion bzw. den russischen Kulturraum. Seit 1962 existiert an der Freiburger Universität das Slavische Seminar, 1965 folgte der Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte. Die Städtepartnerschaft mit Lemberg/Lviv in der heutigen Ukraine stellte zudem einen ersten institutionalisierten Brückenschlag in den osteuropäischen Raum dar. Jahrzehnte lang wirkte auch die hoch renommierte Übersetzerin Swetlana Geier in Freiburg.

Seit der Perestrojka und dem Zusammenbruch der Sowjetunion intensivierten sich die politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Freiburg und Russland. Mit Gernot Erler, MdB, langjähriger Vorsitzender der West-Ost-Gesellschaft und heute „Beauftragter der Bundes-regierung für die Beziehungen mit Russland, Zentralasien und den Ländern der Östlichen Partnerschaft“ sowie „Sonderbeauftragter der Bundesregierung für den deutschen OSZE-Vorsitz 2016“ gestaltet ein Freiburger ganz wesentlich die deutsch-russischen Beziehungen mit.

Zahlreiche herausragende Forschungsprojekte an der Universität (neben der Slavistik und der Osteuropäischen Geschichte auch die Forstwissenschaft und die Biologie) zeugen von regem wissenschaftlichem Austausch.

Auch in der Stadt selbst ist russische Kultur seit Jahrzehnten präsent, nicht zuletzt auch durch viele Studierende und die seit den 1990er Jahren nach Freiburg gekommenen Migrantinnen und Migranten (v.a. „Russlanddeutsche“), die auch zahlenmäßig einen beachtlichen Bevölkerungsanteil darstellen.

Das Stadttheater und das Theater im Marienbad präsentieren seit Jahrzehnten regelmäßig russische Stücke und verfügen z.T. auch über langjährige Beziehungen zu Russland. Das gleiche gilt für die Musikszene (Hochschule für Musik; Internationale Klavier Akademie Freiburg und den Film (Kommunales Kino), die Stadtbücherei sowie die Jüdische Gemeinde in Freiburg. Auch russische Ballettschulen und russische Geschäfte zeugen vom „Russischen Freiburg“.

2015 wurden – nach ersten vergleichbaren, großen Unternehmungen in den 1989 und 1994 – vom Kulturamt der Stadt Freiburg unter Einbeziehung zahlreicher kultureller und wissenschaftlicher Institutionen viel beachtete „Russische Kulturtage“ durchgeführt, die auf Kontakte zur Moskauer Rudomino-Bibliothek zurückgingen und in Zukunft fortgeführt werden sollen.

Repräsentanten der Stadt und ihrer Kultur reisten seitdem mehrfach nach Russland bzw. Moskau und empfingen russische Delegationen und Kulturschaffende. Die Gründung des „Zwetajewa-Zentrums für russische Kultur an der Universität Freiburg e.V.“ (2016) stellt einen weiteren Höhepunkt dieser Entwicklung dar.

Hinweis:
Elisabeth Cheauré: Das „Russische Freiburg“. Rombach-Verlag (voraussichtlich 2018).

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